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Diskussionsbeitrag zu diesem Artikel

 

  Dönitz-Affäire


Karl DönitzDie „Dönitz-Affäre“ bezeichnet einen Skandal, der die Stadt Anfang der sechziger Jahre erschütterte und einen unrühmlichen Weg durch die internationale Presse nahm. Die Affäre endete in einer menschlichen Tragödie, dem Selbstmord des Schulleiters, und wirft Fragen über die geistige Atmosphäre im Kreis in der ausgehenden Adenauer-Ära der Bundesrepublik auf.

 

Am 22. Januar 1963 hielt der Hitler-Nachfolger und Großadmiral Karl Dönitz eine „Geschichtsfragestunde“ am städtischen Otto-Hahn-Gymnasium in Geesthacht ab. Die Einladung an den in Aumühle lebenden Kriegsverbrecher ging von dem damaligen Schülersprecher, Uwe Barschel, aus. Eingefädelt hatte diese „Zeitgeschichte nach Archäologen-Art am geretteten Relikt, am Monument Karl Dönitz“ (SPIEGEL) der Geschichtslehrer und CDU-Ratsherr (auch Fraktionsvorsitzender) Dr. Heinrich Kock, der Dönitz auf einem Treffen des Heimkehrerverbandes im Dezember 1962 in Geesthacht kennen gelernt hatte. Kock hatte auf der Heimfahrt Dönitz gefragt, ob er nicht seine Gedanken zum Thema „nationalsozialistische Machtergreifung und ihre Folgen“ vor der versammelten Schüler- und Lehrerschaft vortragen wolle. Dönitz sagte zu, Schulleiter Dr. Georg Rühsen genehmigte die Veranstaltung. Das Kieler Bildungsministerium wurde nicht informiert.

 

Vor über 250 Oberschülern und Lehrern konnte der glühende Hitler-Verehrer in der Pausenhalle des Gymnasiums seine Thesen und Ansichten ausbreiten. Seine militaristischen bis faschistischen Gedanken trafen auf keinen öffentlichen Widerspruch seitens der Schüler und Lehrer. Der wohl im Kern unbelehrbare Nationalsozialist bekam sogar mehr als freundlichen Applaus für seine Vision von grenzenloser militärischer Gehorsampflicht. Nur ein Lehrer verließ aus Protest den Veranstaltungsraum. Es wurden nur betont höfliche Fragen gestellt, die Fragesteller hatte Kock bereits vorher ausgesucht und instruiert. Der einzige anwesende Journalist, der Geesthachter Lokalredakteur Karl Mührl, der gleichzeitig ein Bekannter Dönitzens und Kocks war, berichtete auf einer Sonderseite der „Bergedorfer Zeitung“ über die „Unterrichtsstunde“: „Wir spürten es: Karl Dönitz hatte seine helle Freude an dieser Jugend. Sie hatte einen klaren Fragenkomplex zur Hand. Und der Großadmiral blieb ihr nichts schuldig. Seine Antworten waren klar und sachlich. Genau eine Stunde und 30 Minuten dauerte diese Veranstaltung, die sicher auch für die anwesenden Lehrer des Gymnasiums ein besonderes Erlebnis, für die Schüler aber in jedem Falle Geschichtsunterricht in höchster Vollendung gewesen sein dürfte“.

 

Es brach ein Sturm der Entrüstung über die Kleinstadtschule herein. Die Weltpresse sprach ein vernichtendes Urteil aus, weil an deutschen Schulen wieder „Nazidemagogen als Pädagogen“ auftreten durften. Es folgten die üblichen Maßnahmen zur Schadensbegrenzung und die gegenseitigen Schuldzuweisungen der Behörden. Geschichtslehrer Kock fühlte sich zum Beispiel als „Opfer der linken Kampfpresse“. Der eher unpolitische Schulleiter, Dr. Rühsen, konnte dem massiven öffentlichen und beruflichen Druck nicht standhalten und beging im Februar 1963 in der Elbe Selbstmord. Der Drahtzieher der Affäre, Dr. Kock, blieb auch nach dem Skandal Gymnasiallehrer und Ratsherr, sein jugendlicher Vertrauter, Uwe Barschel, ging später „in die große Politik“....

 



 

Erstellt am: 28.06.06 / Aktualisiert am: 12.01.07
Autor: Dr. William Boehart, Stadtarchiv
Literatur / Quelle: Jens Kalke, „APO in Geesthacht: Die 68er Proteste und ihre kommunalen Wirkungen, In: Geesthacht. Eine Stadtgeschichte. Beiträge zur Landschaftsentwicklung, Regionalgeschichte und zu kulturellen Perspektiven einer Elbesiedlung. Geesthacht 1997 (2. Auflage), S. 142-152.
Weblinks: http://de.wikipedia.org/wiki/Karl_D%C3%B6nitz