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Zum erwähnenswerten historischen Inventar der Kirche St. Salvatoris gehört auch ein großformatiges Predigerbild, das heute im Gemeindesaal über der Tür hängt, die in die Kirche führt. Erwähnenswert ist dieses Bild nicht wegen seiner – eher mittelmäßigen – künstlerischen Qualität, sondern weil es eine besondere Epoche in der Geesthachter Kirchengeschichte repräsentiert.

Dargestellt ist der Prediger Johannes Cloppenburg, der von 1694 bis 1706 Pfarrer der St. Salvatoriskirche zu Geesthacht war. Es handelt sich allerdings nicht um ein privates Bild, sondern, wie die Schrifttafel am unteren Bildrahmen verrät, um ein für den öffentlichen Raum bestimmtes Epitaph.

Auf diesem Bild ist nichts beliebig, jeder Gegenstand hat zeichenhafte Bedeutung, die auf das evangelische Predigtamt hinweist. Den Schlüssel zum Verständnis des Bildes liefert die auffällig in die Bildmitte gerückte Hand: in ihrer dozierenden Geste kennzeichnet sie in Verbindung mit dem Buch den Dargestellten zunächst als Gelehrten und ist als Hinweis auf dessen akademische Bildung zu verstehen, die Voraussetzung für die Berufung in das Predigtamt der reformatorischen Kirche war. Die zum Herzen geführte Hand, die zugleich auf das Buch zeigt, kann ebenso als Bekenntnis zum Schriftprinzip der protestantischen Kirche wie zur lutherischen Konfession gedeutet werden, auf die die Geistlichen der lutherischen Kirche bei ihrer Ordination verpflichtet wurden. Das Vokabular dieser Bildersprache ist dem überlieferten Formenkanon christlich-sakraler Kunst entnommen und war auch Laien und Analphabeten einigermaßen bekannt und verständlich.

Ergänzt wird diese idealtypische Darstellung des Predigers Cloppenburg durch die Tafel, die neben den Lebensdaten des Verstorbenen (9. Februar 1657 – 12. März 1706) auch die seiner Berufung in das geistliche Amt (24. Mai 1694), seiner Ordination (3. Juni) und seiner Einführung in die Geesthachter Pfarrstelle (13. Juni) nennt und ihn auf diese Weise als ordnungsgemäß bestallten Inhaber der Geesthachter Pfarrstelle ausweist.

Predigerbilder dieser Art gibt es viele. Sie sind Ausdruck des reformatorischen Kirchenverständnisses, das statt der Feier des Messopfers die Verkündigung der reinen Lehre zur Aufgabe des Gottesdienstes erklärte. Sie ersetzten in den lutherischen Kirchen die Bilder der Heiligen, um dem Kirchenvolk den Prediger lutherischer Konfession als Glaubenszeugen und wahren Lehrer der wahren Kirche einprägsam vor Augen zu führen.

Die regionalgeschichtliche Bedeutung dieses Bildes steckt in dem Zusatz Lüb hinter dem Namen des Dargestellten. Er ist die Abkürzung für das lateinische Lubecensis und sagt aus, das Johann Cloppenburg [ein Mann] Lübecks war, d.h. dass er vom Rat der Stadt Lübeck in das Predigeramt gewählt, vom höchsten geistlichen Beamten der Stadt Lübeck, dem Superintendenten, examiniert und ordiniert und ebenfalls vom Superintendenten im Beisein eines hochrangigen Vertreters des Lübecker Senats in die Geesthachter Pfarrstelle eingeführt worden ist. Dieser Geesthachter Pfarrer war also ein kirchlicher Beamter und damit auch ein Untertan der Stadt Lübeck. Wie ist das zu verstehen?

1420 hatte der sächsisch-lauenburgische Herzog Erich V. im Perleberger Friedensvertrag das Städtchen Bergedorf, die Vierlande und das Dorf Geesthacht an die Städte Hamburg und Lübeck abtreten müssen. Die beiden Städte verwalteten die im Amt Bergedorf zusammengefassten Gebiete als Souverän zunächst abwechselnd, ab 1620 dann gemeinsam. Repräsentant und Mittelsmann beider Städte war der Amtsverwalter, der in Bergedorf residierte und jeweils abwechselnd von einer der beiden Städte eingesetzt wurde. Die Kirchen im Amte Bergedorf unterstanden bis zur Reformation dem Bistum Ratzeburg. Nach der Reformation fiel den beiden Städten auch das Recht zu, alle kirchlichen Angelegenheiten in ihren Territorien zu regeln. Damit unterstanden auch die Kirchen im Amte Bergedorf dem von den beiden Städten gemeinsam ausgeübten Kirchenregiment. Das Patronatsrecht, also das Recht, eine vakant gewordenen Pfarrstelle wieder zu besetzen, wurde zwar, ähnlich wie bei der Einsetzung des Amtsverwalters, abwechselnd von den Städten ausgeübt. Die Amtsführung der Pastoren sowie das in ihrer Verantwortung befindliche Schulwesen in den einzelnen Gemeinden wurden aber durch beide Städte reglementiert, kontrolliert und begutachtet. Zu diesem Zwecke fanden in unregelmäßigen Abständen Visitationen statt, die durch die höchsten geistlichen Beamten der beiden Städte durchgeführt wurden.

Das Epitaph des Lübecker Predigers Johann Cloppenburg in der Geesthachter St. Salvatoris Kirche ist also ein Zeugnis jener Epoche der beiderstädtischen Verwaltung der Geesthachter Pfarrstelle seit der Reformation. Diese ungewöhnliche Herrschaftsform hat immerhin einige Jahrhunderte überdauert, bis nämlich 1867 Hamburg der Stadt Lübeck deren Rechte am Amte Bergedorf abkaufte. Seitdem gehörte und gehört die Geesthachter St. Salvatoris Kirche zur Hamburger Kirche, auch nach der 1937 erfolgten Ausgliederung der Stadt Geesthacht aus dem hamburgischen Staatsverband, und ab dem 01.05.2009 gemeinsam mit der erst nach 1945 entstandenen St. Petri Kirche als Evangelisch –lutherische Kirchengemeinde Geesthacht zum Kirchenkreis Hamburg-Ost der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche. Die evangelischen Kirchen in den 1937 eingemeindeten Stadtteilen Düneberg und Grünhof-Tesperhude gehören jedoch zur Lauenburger Kirche. Die alte politische Grenze zwischen dem beiderstädtischen Gebiet und Lauenburg ist in diesen unterschiedlichen Zugehörigkeiten der evangelischen Kirchen Geesthachts also noch präsent.

Über Johannes Cloppenburg ist wenig bekannt. Belegt ist, dass er in Jena studiert hat. Dass er keinen akademischen Titel erworben hat, sagt nichts über seine wissenschaftliche Qualifikation aus, eine Promotion war zu seiner Zeit eine sehr kostspielige Angelegenheit, die sich nicht jeder Student leisten konnte. Sein Nachfolger im Amt, der Hamburger Pfarrer Johann Reimert Weber, wusste in seiner Geesthachter Kirchenchronik über die Amtszeit Cloppenburgs lediglich zu berichten, dass es einen Brandanschlag auf das Pfarrhaus gegeben habe. Eine posthume Würdigung seiner Tätigkeit findet sich dagegen in dem Visitationsprotokoll von 1707: die Visitatoren hatten weder an der Führung der Kirchenbücher noch der des Rechnungsbuches etwas auszusetzen, was zu der Zeit keineswegs selbstverständlich war. Leider ist das Rechnungsbuch 1708 bei dem Brand des Pfarrhauses verloren gegangen. Und sie fanden es erwähnenswert, dass Cloppenburg den Küster und Schulmeister ausgebildet hat. Dieser Eintrag in das Protokoll kann nur als Lob verstanden werden, denn die Geesthachter Gemeinde hatte im Unterschied zur 1681 durchgeführten Visitation diesmal die Prüfung sowohl ihrer Kenntnisse als auch ihres Verständnisses des Katechismus besonders gut bestanden.

Johannes Cloppenburg ist am 12. März 1706 in Geesthacht verstorben. Er war unverheiratet und hinterließ zwei verheiratete Schwestern. Er war der erste Geistliche, der in der damals neuen Kirche beigesetzt wurde. Seine Grabplatte befindet sich heute an der nördlichen Chorwand innerhalb der St. Salvatoris Kirche. 

 


Literatur/Quelle: Traugott Koch:  Grundsätzliche Überlegungen zur Ikonographie evangelischer Kirchenmalerei in der Zeit der lutherischen Orthodoxie, in: Peter Poscharsky (Hg.): Die Bilder in den lutherischen Kirchen: ikonographische Studien, München 1998, S. 9-20, hier S. 12.

 

Signe Schuster: ...Einer Nahmens Cloppenburg...,Die Verwaltung der Geesthachter Pfarrstelle durch die Städte Hamburg und Lübeck um 1700, dargestellt am Beispiel der Wahl und Einführung Johann Cloppenburgs durch Lübeck 1694 und der Auseinandersetzung mit seinen Collateral-Erben um das Gnadenjahr 1706, in: Lauenburgische Heimat, Zeitschrift des Heimatbund und Geschichtsvereins Herzogtum Lauenburg, Heft 177, Ratzeburg 2007, S. 38-61.

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