Hilfsnavigation
Rathaus
© Stephan Darm 
Quickmenu
Volltextsuche
Icon FacebookIcon TwitterIcon FlickrHilfe
Seiteninhalt
„Der Wunde am hamburgischen „Staatskörper“
Zeitungsbericht über den „Schlacht am Runden Berg“Am Mittwoch, dem 3. Oktober 1928, erklärte der DDP-Abgeordnete Platen in der Hamburger Bürgerschaft: „Dass die Staatsautorität von 12 Uhr mittags bis 6 Uhr abends in Geesthacht sozusagen mit Füßen getreten worden ist und im Dreck gelegen hat, das kann sich kein Staat, vor allem kein republikanischer Staat, gefallen lassen“. In Geesthacht – „der Wunde am hamburgischen Staatskörper“ – sei „das erste Mal im deutschen Volksstaat ... ein ganzer Wahlaktus durch derartige ... revolutionäre Umtriebe unmöglich gemacht worden“, fügte Dr. Piper (DVP) hinzu. Drei Tage zuvor, am Sonntag, dem 30. September, waren Mitglieder des „Rotfrontkämpferbundes“ der „Roten Marine“ (beide KPD) und es „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“ (SPD) in Geesthacht einmarschiert – „zur Sicherung der Stadtvertretungs-Wahl, zum Schultz der Wähler“, wie die Kampforganisationen versicherten. Am Nachmittag lieferten sich KPD und SPD-Anhänger in der Hegebergstraße – dort, wo heute das Krankenhaus steht – die „Schlacht am Runden Berge“: Einen Toten, acht Schwer- und 70 Leichtverletzte registrierte die Polizei – ein Sozialdemokrat starb wenige Tage später.

Eine tödliche Feindschaft
Was war geschehen an diesem herbstlichen Sonntag vor 75 Jahren?
Nach der deutschen Revolution 1918/19 hatte sich das von Anfang an problematische Verhältnis zwischen den sozialistischen „Brüderparteien“ SPD und KPD endgültig zu einer unversöhnlichen Feindschaft entwickelt. Angeordnet von der übermächtigen KP der Sowjet Union, gingen die Kommunisten in Deutschland nach den gescheiterten Versuchen der Zusammenarbeit mit der SPD bei einem Generalstreik im Krisenjahr 1923 dazu über, die Republik mit allen Mitteln zu bekämpfen. Eine tragende Säule des Weimarer Staates war die SPD. Die Kommunisten bezeichneten die Sozialdemokraten nach 1924 als „Sozialfaschisten“, die somit in ihren Augen kein bisschen besser als die Nationalsozialisten waren. Die KPD beanspruchte die ausschließliche Vertretung der „arbeitenden Klassen“ in Deutschland.
Die neue Linie der KPD wurde durch ihren Vorsitzenden Ernst Thälmann verkörpert, der im April 1924 die Parteiführung übernahm. Wir wissen, dass Thälmann auch in Geesthacht einen Termin abhielt. Im Archiv befindet sich ein leider undatiertes Foto von ihm bei einer Rede vom Balkon des Deutschen Hauses (heute: Polizeigebäude).

„Ein überhitzter Dampfkessel“
Der deutsch-nationale Abgeordnete der Hamburger Bürgerschaft Henningsen bemerkte im August 1928, die politischen Verhältnisse in Geesthacht seien „so schlimm geworden, dass teilweise nicht nur die Mitglieder der bürgerlichen Fraktionen, sondern auch der sozialdemokratischen Fraktion es vorzogen, sich nicht an den Ratssitzungen zu beteiligen. Bei der Kommunalwahl 1927 hatten die Kommunisten 41,8%, die Bürgerlichen 31,1% und die SPD 22,7% erhalten. Bürgermeister Julius Weltzien bemühte sich um eine Zusammenarbeit mit den Bürgerlichen und der SPD. Eine Übereinkunft mit der KPD war deswegen nicht möglich, weil sie eine konsequente Blockadepolitik verfolgte. Vor dem Hintergrund der schwierigen wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse versuchte die KPD, die Not der Menschen zu instrumentalisieren und Stimmung gegen Weltzien und die SPD zu machen. Als das Amtsgericht Bergedorf im März 1928 den KPD-Wortführer August Ziehl zu einer Geldstrafe verurteilte, weil er Weltzien als „Lügner“, „Betrüger“ und „Zirkusvorsitzender“ verunglimpft habe, verglich der Richter die Stimmung in der Ratsversammlung mit der „Temperatur eines überhitzten Dampfkessels“.
Die KPD strebten nach der absoluten Mehrheit in der Ratsversammlung, die nach dem Vorfall mit Bürgermeister Weltzien aufgelöst wurde. Neuwahlen wurden für den 30. September 1928 angesetzt.
Der Wahlkampf wurde durch Verunglimpfungen und Gewaltandrohungen von allen Seiten gekennzeichnet. Es gab einen regelrechten Flugblatt-Krieg sowie Artikel in den Parteizeitungen „Hamburger Echo“ (SPD) und die „Hamburger Volkszeitung“ (KPD). Am Wahltag forderten die SPD und KPD „Schutztruppen“ aus Hamburg an.

Verfahren eingestellt
Am 30. September zogen zwischen 1.500 und 3.000 Hamburger Anhänger von SPD und KPD nach Geesthacht. Um 15 Uhr kam es zur „Schlacht am Runden Berg“. Der „Hamburger Anzeiger“ berichtet: „Das Gelände der Hegebergstraße, einzelnen liegende Häuser, kleine Villen, Gartenlauben, Ställe, Kleingärten, boten ein Kampfgelände, in dem die Gegner ausschwärmend versuchen konnten, die gegenüberliegende Truppen zu umfassen. Der Kampf wurde mit Knüppel. Schlagringen, Stücken und anderen Waffen geführt. Plötzlich fielen in diesem Gefecht der Knüppel und Messer Schüsse“.
Der Wahlgang wurde abgebrochen und eine Woche später unter dem wachsamen Auge der Hamburger Polizei wiederholt. Die Kommunisten gingen letztlich als Wahlverlierer vom Platz – sie verloren zwei Mandate in der Stadtvertretung.
Die Bluttat beschäftigte die Politik und die Gerichte in den folgenden Wochen. Der Vorfall fand sogar in ausländischen Medien Beachtung. Französische Zeitungen berichteten ausgiebig von der „Geesthachter Schlacht“.
Die gerichtlichen Voruntersuchungen führten jedoch zu keinem Ergebnis. Im „Geesthachter Wochenblatt“ vom 9. Januar 1930 stand: „Die Geesthachter Wahlunruhen am 30. September 1928, die außer zahlreichen Körperverletzungen auch den Tod zweier Menschen zur Folge hatten, sind auf Antrag der Staatsanwaltschaft Gegenstand einer gerichtlichen Voruntersuchung gewesen. Ein klares Bild darüber, wer für die folgenschweren Vorfälle strafrechtlich verantwortlich zu machen ist, konnte trotz eingehender Vernehmung aller in Betracht kommenden Zeugen nicht gewonnen werden. Die Beschuldigten, die zum Teil vom Rot-Front-Kämpferbund, zum Teil dem Reichsbanner angehörten, sind daher durch Beschluss der Strafkammer I vom 9. November 1929 außer Verfolgung gesetzt worden“.

Zum Seitenanfang (nach oben)