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20.01.2020

Soziales ist sein Ding: Christoph Wieck feiert 40-Jähriges

Die Finanzierung und Verteilung von Kita-Plätzen, die Organisation der Ganztagsbetreuung in den Schulen und der Stadtjugendpflege, Sport- und Kulturförderung, die Unterbringung von Geflüchteten und Wohnungslosen sowie die Berechnung und Auszahlung von Grundsicherung, Wohngeld und anderen sozialen Leistungen –  die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Fachbereichs Bildung und Soziales des Geesthachter Ratshauses sind mit ihren vielfältigen Aufgaben dicht an den Bürgerinnen und Bürgern dran. Seit sechs Jahren leitet Christoph Wieck diesen Bereich der Verwaltung, an den das städtische Seniorenzentrum am Katzberg und das Jugendaufbauwerk direkt angegliedert sind. Gut 200 Mitarbeitende zählen damit zu seinem Zuständigkeitsgebiet. Heute (17. Januar) feiert der 58-Jährige sein 40-Jähriges Dienstjubiläum – 40 Jahre im Öffentlichen Dienst, in denen er viele Reformen begleitet und umgesetzt, aber auch gesellschaftlichen Wandel miterlebt hat.

Herr Wieck, Sie feiern Mitte Januar ihr 40-Jähriges Dienstjubiläum in der Verwaltung. Dabei haben Sie offiziell doch schon im Dezember die 40 vollgemacht. Wie kommt das?
Christoph Wieck: Ich habe schon im Alter von 16,5 Jahren meine Ausbildung angefangen. Das Dienstjubiläum errechnet sich nach TVÖD aber erst nach dem vollendeten 18. Lebensjahr. Weil ich am 26. Dezember Geburtstag habe, wird das Datum für das Jubiläum herangezogen - aber am zweiten Weihnachtstag hätte ich wohl nicht ganz so viele Gäste für meine Jubiläumsfeier gehabt.

Haben Sie sich schon als Auszubildender vorstellen können, so viele Jahre in Rathäusern zuzubringen?
Vorstellen konnte ich es mir schon. Aber 40 Jahre ist natürlich eine sehr lange Zeit. Ich bin durch einen glücklichen Zufall zur Verwaltung gekommen. Aus meinem Freundeskreis waren einige bei der Stadt beschäftigt und erzählten davon. Ich wollte nach meiner mittleren Reife das Wirtschaftsabitur machen oder direkt ins Berufsleben einsteigen. Ich habe dann beim Rathaus nachgefragt und schnell war per Handschlag alles ausgemacht. Heikel wurde es dann kurz vor Ausbildungsbeginn: Ich bekam die Information, dass das Rathaus doch nicht ausbilden würde. Ich habe also dem Bürgermeister ein nettes Schreiben gestiftet, dass ich mich darauf verlassen habe, dort anfangen zu können – dann war das Ganze doch ein Selbstgänger.

Haben Sie als Auszubildender auch alle Abteilungen der Verwaltung durchlaufen, wie es heute üblich ist?
Ja. Ich habe in Nordrhein-Westfalen angefangen, in Meckenheim bei Bonn. Und dort bin ich in allen Bereichen in der Ausbildung gewesen. Mein letzter Ausbildungsabschnitt war im Sozialamt - das ist ganz üblich so. So hat man als Auszubildender schon Erfahrungen gesammelt in den 2,5 Jahren Ausbildung ehe man dort anfängt. Anschließend hatte ich noch drei Ausbildungsmonate zur freien Verfügung, die ich im Sozialamt geblieben bin. Ich habe schnell festgestellt: Steuern oder Stadtkasse wären nicht meine Lieblingsfelder gewesen. Das Soziale gefiel mir. Ich mochte es, dass ich dort schnell Verantwortung übernehmen konnte und direkt mit Publikum zu tun hatte. Das Soziale hat sich dann wie ein roter Faden durch mein Berufsleben gezogen und vor sechs Jahren sind noch Schule, Sport und Kultur dazu gekommen.

Unkompliziert ist gerade das Soziale aber doch nicht. An den Fachbereich wenden sich viele Bürgerinnen und Bürger in für sie emotionalen und konfliktvollen Situationen.
Genau, das stimmt. Diese problembehafteten Situationen sind nicht für jeden der richtige Job. Aber darum gibt es ja die vielen verschiedenen Bereiche in der Verwaltung… Natürlich muss man nach dem Dienst versuchen abzuschalten und die Probleme nicht mit nach Hause zu nehmen. Das habe ich lange lange Zeit gut hinbekommen – wird mit dem Alter und der Verantwortung ein bisschen schwieriger.

Werden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Bereich Soziales darum besonders geschult?
Ja, es gibt spezielle Fortbildungsmaßnahmen. Dort wird man beispielsweis geschult im Umgang mit schwierigem Publikum – das sollte auch jeder machen, damit man ein Feeling dafür bekommt.

Wann sind Sie nach Geesthacht gekommen?
2003, vorher arbeitete ich bei der Stadt Hamburg in Bergedorf. Von 1978 bis 1990 war ich bei der Stadt Meckenheim beschäftigt und bin dann in den Norden gezogen - der Liebe wegen. Dann habe ich von 1990 bis 2003 in Bergedorf gearbeitet, auch im Sozialamt. Damals hat man dort händeringend Personal gesucht, weil es auch diese Flüchtlingswelle gab. Bergedorf passte uns gut, wir wohnten in Glinde.  

Ich bin hier in Geesthacht eingestiegen zu dem Zeitpunkt als die Umstrukturierung der Organisationseinheiten im Rathaus begann. Um mehr Synergien in den Bereichen Bildung und Soziales zu nutzen, wurde schließlich die Stelle der Fachbereichsleitung Bildung und Soziales geschaffen. Für mich bedeutete das natürlich ein sehr breites Aufgabenfeld, in das ich mich hineinarbeiten musste. Aber bis dahin waren es schon gute 30 Jahre im begrenzten sozialen Bereich. Für mich war es also der richtige Schritt, auch meinen Horizont noch zu erweitern.

Welche Gebiete gehören genau zu Ihrem Fachbereich?
Neu dazugekommen sind beispielsweise die Behindertenbeauftragte und das Thema Inklusion, der Seniorenbeirat wird von dem Fachbereich betreut. Im Bildungsbereich haben wir als ganz großen Bereich den Sport mit Vereinen und Verbänden, die wir betreuen. Die Schulen mit der Ganztagsbetreuung, der Bereich Kultur, das Museum und die Stadtbücherei zählen dazu. Das städtische Seniorenzentrum und das Jugendaufbauwerk gehören auch direkt dazu – insgesamt sind es rund 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Also, ich würde sagen, das ist mit der größte Fachbereich bei der Stadt Geesthacht. Unter einen Hut bekommt man das nur, wenn man gute Fachdienstleiter hat.

Und was machen Sie als Fachbereichsleiter den ganzen Tag, für die konkreten Maßnahmen sind sicher die Sachbearbeiter zuständig und Sie koordinieren?
So sollte das sein, das Alltagsgeschäft sieht dann oft anders aus. Ich halte den Draht zur Politik, aber auch Bürger wenden sich direkt an mich. Ich unterstütze Kolleginnen und Kollegen bei komplizierten Fällen. Aber der engste Kontakt ist natürlich mit den Fachdienstleitungen Alexandra Groß (Soziales) und Claudia Stenzaly (Bildung) gegeben. Im Moment beschäftigt uns im Bildungsbereich zum Beispiel die Frage, wo wir im Betreuten Ganztag hinwollen. Auch die Kita-Reform 2020 ist ein ganz wichtiges Thema. Ich habe zudem auch viele Außentermine, wo ich den Repräsentationsanteil habe und ich führe Gespräche mit Vereinen, Verbänden und Kita-Trägern. Wir freuen uns natürlich über Träger, die nach Geesthacht kommen wollen. Gerade, wenn Kitas neu gebaut werden, sind aber auch viele Fachdienste beteiligt, die an einen Tisch geholt werden müssen – und das koordiniere ich. Wichtig ist mir dabei, dass sich auch alle mitgenommen fühlen. Ich bin dann nicht unbedingt derjenige, der mit der Faust auf den Tisch haut und die eigene Meinung durchdrückt, sondern einer, der eher Kompromisse schafft.

Wenn Sie auf die 40 Jahre Berufstätigkeit zurückblicken, welche Erlebnisse sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Eine witzige Situation: Als ich hier anfing, war die Amtsleiterstelle ein gutes halbes Jahr nicht besetzt gewesen. Meinen ersten Arbeitstag werde ich nie vergessen. Es kam mir vor, als wenn alle Beschwerden im Sozialamt gesammelt worden sind. Ich dachte, was haben die Kollegen mit mir vor. Ich hatte an diesem Tag gefühlt zehn Beschwerdegespräche (lacht). 

Und dann gab es natürlich auch heikle Situationen... Ich erinnere eine Begegnung mit einem Hilfeempfänger, der nicht verstehen wollte und konnte, dass die Öffnungszeiten des Sozialamtes an diesem Tag vorbei waren. Der war so in Rage, dass er durch die Glastür sich durchgetreten hatte, obwohl sie aus Sicherheitsglas war. Es gab dann mit mir ein Gerangel, weil ich nicht wollte, dass er die Kolleginnen und Kollegen angreift. Im Nachhinein habe ich dann erfahren, dass der Mann eine Krankheit hatte. Weil ich einen kleinen Hautritzer hatte, machte ich mir dann Sorgen, dass ich mich angesteckt haben könnte. Es dauerte ein paar Wochen bis es Entwarnung gab. 

Und rein auf das Sozialamt bezogen, fand ich die Situation als 2005 die Jobcenter eingerichtet worden sind, schwierig. Das Kollegium musste entscheiden: Gehen sie ins Jobcenter oder bleiben sie im Sozialamt – es war klar, dass nicht alle bleiben können. Ich habe mich da als Fachdienstleiter verantwortlich gefühlt. Die Situation hat mich schon belastet. Natürlich war ich nicht für die Entscheidung der Bundesregierung verantwortlich gewesen, aber es waren meine Kollegen, die woanders hinsollten, was sie nicht unbedingt wollten. Das hat mich mitgenommen.

Sie haben wahrscheinlich häufig die Situation, dass Land oder Bund etwas entscheiden und Sie schnell auf Dinge reagieren müssen, an denen oft persönliche Schicksale hängen – der Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz oder die Flüchtlingssituation zum Beispiel.
Das stimmt. Ich habe immer versucht, mit Kolleginnen und Kollegen und mit der Unterstützung der Politik – das ist ja wichtig, schließlich stehen ja oft Gelder dahinter – versucht, schnell zu reagieren. In der Flüchtlingssituation 2015 wussten wir zum Beispiel nicht, wie schnell wir Container bekommen werden. Es war Weihnachtszeit und wir haben die Sporthalle an der Berliner Straße hergerichtet. Im Nachhinein war das nicht erforderlich, weil nicht so viele Personen kamen. Aber für mich war es keine Option zu sagen, dass wir die Leute auf der Straße lassen. Und Politik ist ja auch den Weg mitgegangen. Genauso mit den Containern für Geflüchtete: Im Nachgang hat sich herausgestellt, dass wir zu groß und zu schnell reagiert haben – aber die Zahlen haben anderes angedeutet.

Im Kitabereich haben wir es bisher, trotz sehr angespannter Lage, über viele Jahre immer geschafft, eine Betreuung sicherzustellen. Das ist der Verdienst der Kolleginnen und Kollegen. Aber es wird immer enger werden, denn uns fehlen 200 Plätze. Wie grundsätzlich bei allen Anliegen, die an uns herangetragen werden, versuchen wir das Beste zu erreichen – aber die Erwartungshaltung ist in allen Bereich sehr hoch. Sie ist in unserer Gesellschaft exorbitant gestiegen.

Als ich vor 40 Jahren angefangen habe, gab es auch Erwartungshaltungen. Aber der Einzelne hat sich auch in Verantwortung gesehen und zum Beispiel geschaut, ob eine Betreuung bei Angehörigen, bei Opa und Oma möglich ist. Heute sagen die Leute: Ich habe einen Rechtsanspruch darauf – was ja auch stimmt, das steht außer Frage. Aber die Erwartungshaltung ist sehr hoch geworden. 

Wie hat sich das Verhältnis von Verwaltung und Bürgern aus Ihrer Sicht verändert? Ist das ruppiger geworden?
Den Notfallknopf, den wir heute haben, hätte man früher auch schon gebraucht. Ich glaube nicht, dass das Verhältnis grundsätzlich schlechter geworden ist. Man hört ja immer wieder, dass es Angriffe auf Verwaltungsmitarbeitende gegeben hat. Das passiert hier auch mal. Aber ich gehe eher auf den Punkt zurück: Das Anspruchsdenken ist größer geworden und mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass man einen Rechtsanspruch auf etwas hat, was der Mitarbeiter nicht erfüllen will, werden die Leute auch mal lauter... handgreiflich kann auch passieren, aber das hält sich in einem sehr sehr niedrigen Rahmen. Durch Schulungen kann man in einem Gespräch mit einem aggressiven Menschen auch steuernd eingreifen. Und jemanden, der wie damals durch die Glastür gegangen ist, hatte ich nie wieder.

Und die Mitarbeiter bekommen auch viel Lob. Im Kita-Bereich, wenn eine Betreuung organisiert wird, oder die älteren Leute und die, die nicht mehr arbeiten können, im Grundsicherungsbereich sagen schon: Vielen Dank, dass sie mir geholfen haben.

Was würden Sie sich wünschen, welche Baustelle müsste im Sozialen angegangen werden, um für die Stadt und ihre Einwohner Verbesserungen zu erzielen?
Mein größter Wunsch wäre kein konkretes Projekt, sondern dass das Anspruchsdenken von Bevölkerung und Politik hinterfragt wird. Der Personalschlüssel wird nicht größer mit den vielen Aufgaben. Ich sehe wie belastet viele Kollegen sind und wenn jeder sich hinterfragt, ob alles wirklich sofort erledigt werden muss, könnte vielleicht Zeit entstehen, einen Fall in Ruhe und sogfältig zu bearbeiten. Und wir als Fachbereichsleiter und Fachdienstleiter hätten Zeit für konzeptionelle Arbeiten: Wir haben alle tolle Ideen, aber im Alltag können wir oft nur reagieren. Wir würden uns gerne noch stärker damit auseinandersetzen, was wir für Geesthacht erreichen wollen – und das wäre für die ganze Stadt und ihre Einwohner gut.

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